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Bilderbuchmenschen ist ein einzigartiges Photolesebuch mit Portraits
tätowierter Menschen, die zwischen 1878 und 1952 geboren sind. Viele Jahre
hat der 82jährige Hamburger Tattoomeister Herbert Hoffmann die Tätowierten
dieser Generationen photographiert und ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet.
Mit seiner einzigartigen Photosammlung nimmt der Amateurphotograph den
Leser mit auf eine Zeitreise zurück ins Nachkriegsdeutschland und gibt
einen faszinierenden Einblick in ein Kapitel verdrängter Kulturgeschichte.

"Ich bin von der Tätowierung beseelt und will auch nicht von ihr lassen!".
Mit diesen Worten beschreibt Herbert Hoffmann sein Lebenswerk. Der gebürtige
Preuße hat seine bürgerliche Herkunft nie abgelegt. Dennoch wählte er
einen für seine Generation sehr unüblichen Lebensweg: er wurde Tätowierer
und setzte sich zeitlebens dafür ein, "sein liebstes Hobby" vom Dunst
des Anrüchigen zu befreien und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Einer
seiner Verdienste hier ist die des Chronisten - doch die Beziehung zu
seinen Modellen geht über ein reines "Arbeitsverhältnis" weit hinaus:
über Jahrzehnte hinweg hat er tätowierte Menschen aufgesucht, sie interviewt
und in Wort und Bild "festgehalten", damit sie nicht aus dem kollektiven
Gedächtnis verschwinden. 99 dieser Portraits werden in BilderbuchMenschen
vorgestellt. Der Blick des Photographen auf die abgelichteten Menschen
ist voller Sympathie, Respekt und sogar Bewunderung. Im Vorwort des Photolesebuches
beschreibt der Historiker Dr. Stephan Oettermann eine gewisse Verwandtschaft
der Hoffmannschen Photographie mit den Portraits von August Sander. Das
Buch richtet sich auch an Leser, die über reine Tätowierbegeisterung hinaus
ein weitergehendes Interesse haben: anthropologisch, historisch, kulturgeschichtlich.
Kurzportrait H.Hoffmann
Herbert Hoffmann, Jahrgang 1919, ist der älteste noch lebende Tätowierer
Deutschlands und gilt nicht nur in Tattookreisen bereits als Legende.
Sein Leben liest sich wie ein Roman: Kindheit in einem puritanisch-strengen
Elternhaus, das sehr viel Wert auf preußische Tugenden legte, Lehre zum
Kaufmannsgehilfen, dann Wehrmachtsoldat im Rußlandfeldzug, russische Kriegsgefangenschaft
und Vertreibung der Familie aus Pommern. 1961 gründete er die Älteste
Tätowierstube Deutschlands im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Zu seinen
Kunden zählten neben Seeleuten und Hafenarbeitern auch einige prominente
Persönlichkeiten, die den exotisch-anrüchigen Ort am nur heimlich aufsuchten.
Heute lebt Herbert Hoffmann in der Schweiz und besucht Tattoomessen in
ganz Europa, wo er als Ehrengast über die Geschichte und Tradition der
Tätowierkultur berichtet.
Leseprobe
Portrait des auf dem Buchtitel abgebildeten Schaustellerehepaares Emma
und Oskar Manischewski, geb. 1878 in Pommern: Emma und Oskar, die mir
schnell ans Herz wuchsen, lernte ich über einen Umweg kennen. In Düsseldorf
sah ich Anfang der Fünfziger Jahre auf der Straße einen alten Bauarbeiter
mit stark tätowierten Händen, die ich sehr bewunderte. "Das ist noch gar
nichts," rief er lachend. "Da mußt Du erst mal den Blauen Oskar sehen
- der hat den ganzen Körper volltätowiert. Er ist aus Stolp wie ich, aber
ich weiß nicht, wo er abgeblieben ist." Fortan war ich auf der Suche.
Unbedingt wollte ich den Blauen Oskar finden und photographieren. Doch
niemand konnte mir weiterhelfen. Endlich erfuhr ich durch den Suchdienst
des Roten Kreuzes, daß sein bürgerlicher Name Oskar Manischewski laute
und er inzwischen in Berlin wohne.
Ich schrieb ihm und es entstand ein reger Briefwechsel zwischen uns. Aus
jeder Zeile las ich seine große Begeisterung für Tätowierungen und die
Freude an volltätowierten Körpern heraus. Er schrieb, daß auch seine Frau
stark tätowiert sei.
Oskar und seine Frau Emma hatten sich in Stolp nach der Jahrhundertwende
volltätowieren lassen. Bis in die 1930er Jahre waren die beiden mit Schaustellern
durch die Welt gereist und als tätowiertes Ehepaar aufgetreten - als Feuerspucker
und Schwertschlucker, was ihnen viel Bewunderung einbrachte. Welch ein
aufregendes Leben! Doch mit der Naziherrschaft und dem Kriege war dies
auf einen Schlag vorbei. Die Veranstaltungen wurden als abartig und pervers
beschimpft. Von Jahr zu Jahr verschwanden mehr Schaustellerkollegen, die
nie wieder gesehen wurden.
An Ostern 1958 war es endlich soweit: Jack und ich fuhren nach Berlin
und besuchten den Blauen Oskar und seine Frau. Ich war voller Vorfreude.
Doch verlief die erste Begegnung ganz anders, als ich es mir erträumt
hatte. Vom Glanz vergangener Zeiten war nicht mehr viel zu spüren. Die
beiden lebten in einem tristen Hinterhaus in einer schmucklosen Wohnung
mit kärglicher Einrichtung. Doch ihre Freude über unseren Besuch war riesig
und der Empfang mehr als herzlich.
Sie wollten alles über die neue, farbige Technik des Tätowierens wissen.
Unsere frisch erworbenen Hautbilder aus Hamburg, Kopenhagen und Rotterdam
beeindruckten sie sehr. Oskar wünschte sich sogleich auch welche. Es war
nicht leicht, noch leere Stellen auf seinem blautätowierten Körper zu
finden. Nur um den Genitalbereich war noch ein bißchen Platz. Dort mußte
ich Oskar ein paar neue, kleine Tätowierungen machen. Er hatte große Freude
daran. Ja, auch seine Ohrläppchen waren frei und bekamen von mir frische
Farbe verpaßt.
Die beiden alten Leute freuten sich sehr über das neue Leben, das in ihrer
bescheidenen Hütte erwacht war. Gerne ließen sie sich von mir photographieren.
Sie bedauerten nur, daß wir unsere schönen, bunten Tätowierungen unter
den Kleidern versteckten. Oskar nahm mich zur Seite und sagte sehr ernst:
"Herbert, Du mußt Dir unbedingt die Hände tätowieren lassen. Wer soviel
Freude an Tätowierungen hat wie Du, der sollte das auch mitteilen, indem
er sie sichtbar macht."
Ich versprach es ihm gerne, denn seine blau tätowierten Handrücken und
Finger faszinierten mich sehr. Aus vielen Gründen kam es aber erst Jahre
später dazu. Schade, daß Emma und er das nicht mehr erleben konnten.
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